01 — Zwei Grundsätze

Einheit und Verantwortung

Fast alles, wofür dieser Verein steht, lässt sich aus zwei Sätzen herleiten. Sie scheinen entgegengesetzt: der eine spricht vom Ganzen, der andere vom Einzelnen. Tatsächlich sind es zwei Seiten derselben Wirklichkeit.

सर्वं खल्विदं ब्रह्म

Sarvaṁ khalvidaṁ brahma

Chāndogya Upaniṣad

«Dies alles ist wahrlich Brahman.»

Alles Erscheinende ist Ausdruck derselben ungeteilten Wirklichkeit. Daraus folgt Mitgefühl — und Ehrfurcht vor Flüssen, Bergen, Pflanzen und Tieren, nicht als Ressource, sondern als Erscheinungsform des Göttlichen.

Universell · Einheit

कर्म सिद्धान्त

Karma siddhānta

Grundlehre

«Jede Handlung hat Folgen.»

Unsere Handlungen wirken, und wir tragen die Verantwortung dafür vollständig selbst. Daraus folgt Handlungsfähigkeit — nicht Schicksal, sondern Ursache und Wirkung, und damit die Freiheit, es anders zu machen.

Individuell · Verantwortung

Dass beide zugleich gelten, ist kein Widerspruch. Der eine Satz begründet das Mitgefühl, der andere die Verantwortung; erst zusammen ergeben sie eine Haltung, die trägt. Es ähnelt dem Welle-Teilchen-Dualismus der Physik: zwei scheinbar unvereinbare Beschreibungen, die dasselbe Phänomen erfassen.

Ein dritter mahāvākya steht daneben: Prajñānam brahma — «Brahman ist Bewusstsein» (Aitareya Upaniṣad).

02 — Die Kernlehren

Was der Hinduismus im Kern aussagt

Der Hinduismus kennt kein einzelnes Glaubensbekenntnis. Es gibt jedoch einen Bestand von Lehrsätzen, den seine Schulen teilen. Sie bilden den Zusammenhang, aus dem alles Weitere folgt.

  1. Die Veden als pramāṇa

    Die Veden gelten als Erkenntnisquelle, besonders für parāvidyā — jenes Wissen, das sich nicht empirisch prüfen lässt: die Existenz Brahmans, die mahāvākyas, das karma siddhānta.

  2. Brahman

    Brahman besteht dauerhaft als absolutes, ungeteiltes Bewusstsein. Hindus sind darin brahmavādins — im Unterschied zu den ātmavādins (Jainas) und den anātmavādins (Buddhisten).

  3. Vyakta und avyakta

    Brahman durchdringt alles Erscheinende (vyakta) und ist zugleich der Ursprung dessen, was noch nicht erschienen ist (avyakta).

  4. Die darśanas

    Die philosophischen Systeme beschreiben das Verhältnis von Īśvara als paramātmā, ātman als jīvātmā und jagat, der stofflichen Schöpfung — alle drei Erscheinungsformen Brahmans.

  5. Karma siddhānta und Wiedergeburt

    Der ātman wird wiedergeboren als Folge des karma siddhānta: Handlungen haben Wirkungen, und wir tragen die Verantwortung dafür vollständig. Mokṣa ist das Endziel.

  6. Die vier puruṣārthas

    Das Leben wird an vier Zielen ausgerichtet: dharma, artha, kāma und mokṣa. Keines ersetzt die anderen.

  7. Dharma

    Dharma ist das ethische und zugleich natürliche Gesetz, das die Welt trägt und rechtes Handeln leitet.

  8. Mehrere Wege

    Verschiedene Wege führen zu mokṣa — insbesondere bhakti, karma, jñāna und rāja yoga. Ihre Gültigkeit steht nebeneinander, nicht gegeneinander.

Alle 13 Lehrsätze im Detail

03 — Was daraus folgt

Vier Felder der Gegenwart

Diese Grundsätze sind keine Altertümer. Sie sprechen genau zu den Fragen, an denen unsere Gesellschaften gerade arbeiten.

Umwelt

Ehrfurcht als Folgerung, nicht als Vorschrift

Wenn alles Ausdruck derselben Wirklichkeit ist, ist Achtung vor der Natur keine auferlegte Regel, sondern eine Schlussfolgerung. Das Karma-Prinzip fügt hinzu, was daraus für den Einzelnen folgt: Verantwortung für die eigenen Handlungen und ihre Wirkungen.

In der hinduistischen Überlieferung gelten Flüsse, Berge, Bäume und Tiere als heilig — nicht sentimental, sondern weil sie Erscheinungsformen derselben Wirklichkeit sind. Heilige Haine haben in Indien über Jahrhunderte Lebensräume bewahrt. Dass ein so dicht besiedeltes Land bis heute eine bemerkenswerte Artenvielfalt trägt, hat auch mit dieser kulturellen Haltung zu tun.

Yoga und Meditation

Ein vollständiges System, nicht nur Übungen

Yoga ist eines der sechs klassischen Darśanas — ein zusammenhängendes System aus ethischen Grundlagen, Körperarbeit, Atem und Meditation. Millionen Menschen in der Schweiz und in Europa üben es. Der Rahmen, aus dem es stammt, gibt den Übungen ihre Richtung.

Im Westen wird Yoga meist als körperliche Praxis aufgenommen. Das ist kein Fehler, aber es ist ein Ausschnitt. Die yamas und niyamas — Wahrhaftigkeit, Gewaltlosigkeit, Mass, Selbstprüfung — gehören ebenso dazu wie die Haltungen. Wir vermitteln diesen Zusammenhang, ohne die Praxis zu vereinnahmen.

Ernährung und Mass

Achtsamkeit statt Dogma

Der hinduistische Zugang zur Ernährung ist bewusst nicht absolut. Er kennt Unterschiede in Konstitution, Lebensumständen und Reife und fragt nach Angemessenheit und Mass, nicht nach einem einheitlichen Verbot für alle.

Ahiṃsā hat viele Menschen zu vegetarischer Ernährung geführt. Die Überlieferung macht daraus jedoch keinen Absolutismus: In der Natur ist wechselseitige Abhängigkeit die Regel. Betont werden Achtsamkeit, Angemessenheit und Zurückhaltung — ein Zugang, der in einer polarisierten Debatte selten geworden ist und gerade deshalb etwas beiträgt.

Offenheit und Vielfalt

Untersuchung statt Glaubensgehorsam

Die Upaniṣaden und die Bhagavad Gītā laden zur Prüfung ein, nicht zur Unterwerfung. Dass mehrere Wege zur Wahrheit führen können, ist im Hinduismus kein Zugeständnis, sondern Grundhaltung — und ein brauchbares Modell für das Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft.

Diese Offenheit ist keine Beliebigkeit. Sie beruht auf der Einsicht, dass Menschen verschieden sind und verschiedene Zugänge brauchen — bhakti, karma, jñāna, rāja yoga führen zum selben Ziel. Wer prüft, statt zu gehorchen, kommt weiter; das entspricht dem, was moderne Gesellschaften unter geistiger Freiheit verstehen.

04 — Unsere Arbeit

Vom Prinzip zur Praxis

Wir übersetzen diese Grundsätze in etwas, das man tatsächlich besuchen, lesen und anwenden kann. Alle sind eingeladen — unabhängig von Herkunft, Vorwissen oder Zugehörigkeit.